Darf eine Tageszeitung Leserbriefe ignorieren?
Wie wichtig ist einer Zeitung die Meinung der Leser?
Leserbriefe sind schriftliche Meinungsäußerungen oder Informationen zu bestimmten Themen. Die Leserbriefschreiber reagieren im Normalfall auf Zeitungsartikel, greifen diese Artikel auf, stimmen zu, ergänzen, widersprechen oder stellen richtig. Leserbriefe sind für die meisten Zeitungen eine Selbstverständlichkeit, eine Art Bürgerjournalismus und auch eine Art Rückmeldung auf bestimmte Artikel sowie Stimmungen in den Regionen. Jede Redaktion sollte sich glücklich schätzen, wenn sich die Leser ihrer Zeitung namentlich einbringen, eigene Meinungen kundtun und auch vertreten. Auch die Leser der Zeitung leben mit den Leserbriefen und haben eine Diskussionsgrundlage. Die Einen finden sich in dem Leserbriefschreiber wieder und Andere haben eine ganz andere Meinung. So lebt die Demokratie.
Wer schon mal einen Leserbrief verfasst hat, weiß, wie schwierig es ist, die richtigen Worte zu finden. Für viele Menschen bedeutet es eine große Überwindung, einen Leserbrief im eigenen Namen zu schreiben. Da fragt sich der ungeübte Schreiber schnell: „Habe ich textlich und inhaltlich alles richtig gemacht?“, „Was sagen Familie, Freunde, Bekannte und all die anderen Interessierten zu meinem Leserbrief und meiner Meinung?“, „Bin ich irgendjemandem zu Nahe getreten und muss mit Konsequenzen rechnen?“… da schwirren einem so viele Fragen durch den Kopf, dass so mancher Leserbrief sich im Papierkorb wieder gefunden hat. Auch der Zeitaufwand für das Schreiben eines Leserbriefes ist nicht zu unterschätzen. Aber wenn dann alles passt, und man seinen Leserbrief an die Zeitung geschickt hat, dann spürt man eine gewisse Art Erleichterung und Selbstbestätigung. Man ist stolz, es geschafft zu haben, seine inneren Widerstände zu überwinden und dann den Leserbrief trotz aller Bedenken auf den Weg zu bringen.
Dann wartet man den nächsten Tag ab… steht mein Leserbrief in der Zeitung? Nein… dann vielleicht morgen! Aber auch am nächsten und den darauf folgenden Tagen keine Zeile des Leserbriefes. Enttäuschung macht sich breit… „War mein Leserbrief nicht gut genug?“, „War er zu lang, zu kurz, zu hart, zu weich…?“ Für die einen „Ignorierten“ ist die Schreiberkarriere schon wieder vorbei, und andere versuchen es immer wieder… bis zu einem Punkt, wo auch sie resignieren.
Eine Tageszeitung hätte sicherlich die Möglichkeit, eine kurze Mailantwort (könnte sogar vorgefertigt sein) zu schicken, dass der Leserbrief nicht veröffentlicht wird, aus dem und dem Grund… und bei zu vielen Leserbriefen gäbe es die Möglichkeit, in der Zeitung zu veröffentlichen, dass es zu den geschriebenen Themen zu viele Leserbriefe gibt, und man diese nicht alle lesen geschweige denn veröffentlichen kann.
Werden zu einem Thema, was eine Region regelrecht beherrscht, hunderte Leserbriefe geschrieben, und nicht ein einziger wird veröffentlicht… dann muss das sicherlich andere Gründe als „Überlastung“ und „Platzmangel“ haben. Auch, wenn tagelang nicht über das Thema geschrieben wird, was Menschen berührt und sie genau wissen wollen, was sich gerade tut und wie auch andere darüber denken. Dann muss man die Berichterstattung über das vielleicht „brisante“ Thema genau verfolgen um sich ein Urteil zu bilden. Sollte die Berichterstattung überwiegend in eine Richtung gehen und die veröffentlichten Einzel- oder Parteimeinungen für eine Seite überwiegen, dann kann es natürlich sein, dass die Zeitung ein Interesse daran hat, diese Meinung auch zu vertreten. Das wäre dann natürlich nicht mehr objektiv, aber die Möglichkeit des „sich Wehrens“ wäre dann nur noch die Kündigung des Abo´s… weil ja eben die eigene Meinung z.B. in Form eines Leserbriefes für die Zeitung nicht mehr zählt!
Es soll auch Zeitungen geben, die Monopolstellungen haben und/oder sich, aus welchen Gründen auch immer, einer Partei „unterworfen“ haben und diese Linie dann öffentlich vertreten. Das wäre dann ja schon fast Propaganda.
Da bleibt dann nur die Hoffnung, dass die Leser diese „Parteinahme“ erkennen und manche Themen dementsprechend vorsichtig lesen. Oder die Hoffnung darauf, dass es Journalisten gibt, die neutral und objektiv über politische Themen berichten… und darauf, dass sich politisch etwas ändert und sich damit natürlich auch die Einflussmöglichkeiten ändern.
Zurück zum Anfang der Frage:
Darf eine Tageszeitung Leserbriefe ignorieren?
Eine Tageszeitung kann natürlich Leserbriefe und Meinungen sowie Richtungen ignorieren. Wenn der Name der Zeitung dann in einem Atemzug mit Propaganda genannt wird, dann sollte das für die Zeitung jedoch ein Alarmsignal sein. Wie lange lassen sich die Abonnenten das gefallen oder ist man auf die Abonnenten und Leser nicht angewiesen? Nein, Leserbriefe gehören zu Zeitungen dazu, auch wenn sie der Zeitung, oder die „Macher“ um die Zeitung herum, nicht gefallen. Also, eine Tageszeitung kann Leserbriefe ignorieren, sollte aber jedem Leser/Abonnenten die Möglichkeit geben, sich einzubringen bzw. so konsequent sein, und die „Nichtveröffentlichung“ zu begründen.